Die Katastrophe
Das Pfingstwochenende 1999 brachte dem Landkreis Kelheim ein Jahrhundert-Hochwasser, das vor allem die Städte Neustadt an der Donau und die Kreisstadt Kelheim traf. Als in Neustadt am Morgen des 24. Mai der Damm brach, brach eine Flutkatastrophe über die donauseitigen Gebiete der Stadt herein.
Die Donau erreichte am Nachmittag des 23. Mai mit fast 8 Metern ihre historische Rekordmarke in Kelheim – mehr als die Hälfte über dem Normalpegel. Das Kloster Weltenburg stand erstmals seit 150 Jahren unter Wasser, die Asamkirche war bis zu 60 Zentimeter geflutet. Mehr als 3.000 Menschen in Neustadt und den betroffenen Ortsteilen verloren zeitweise Zugang zu ihrem Zuhause; rund 700 Einsatzkräfte von Feuerwehr, THW, Polizei, DLRG, BRK, Grenzschutz und Bundeswehr waren rund um die Uhr im Einsatz.
Chronologie der Tage
Rapider Pegelanstieg – erstmals Weltenburg betroffen
Nachdem der Donau-Pegel rapide ansteigt, kommt erstmals der Krisenstab des Landkreises Kelheim zusammen. In Weltenburg strömen erstmals seit 150 Jahren die Fluten in die Asamkirche – in der Barockkirche steht das Wasser bis zu 60 Zentimeter hoch.
Katastrophenalarm · Pegelrekord fast 8 Meter
Im weltberühmten Kloster Weltenburg wird am Nachmittag der Kampf gegen die Wassermassen aufgegeben. Beim Versuch, einen Kahn vor dem Hochwasser in Sicherheit zu bringen, geraten vier Bewohner aus dem Fischerdörfl in Lebensgefahr und können gerettet werden. Um 18.00 Uhr wird für den Landkreis Kelheim Katastrophenalarm ausgelöst. Die Donau überschreitet mit der Rekordmarke von fast 8 Metern den Normalpegel um mehr als die Hälfte. Über 700 Helfer von Feuerwehr, THW, Polizei, DLRG und BRK sind im Einsatz, ergänzt durch Grenzschutz und Bundeswehr. Am Abend wird eine Frau in Weltenburg nach einer Herzattacke mit dem Rettungshubschrauber „Christoph 1" ins Krankenhaus geflogen.
Pegelspitze 795 cm in Kelheim · Damm bei Neustadt gebrochen
Nachts um 1.10 Uhr wird der Damm bei Neustadt überflutet, um 8.30 Uhr bricht er. Die Vororte Schwaigfeld, Mauern und Wöhr werden von den Wassermassen überflutet. Auch aus Bad Gögging müssen Bürger aus ihren Häusern evakuiert werden – insgesamt sind rund 1.500 Menschen akut betroffen. In der Hauptschule Neustadt werden Notunterkünfte eingerichtet.
Um 9.00 Uhr wird in Kelheim die Pegelspitze von 795 cm erreicht – bis heute der historisch höchste je gemessene Stand. Die Regensburger Straße ist überflutet, am Abend wird die alte Donaubrücke wegen Einsturzgefahr für den Verkehr gesperrt. In der Nacht geht nach einem Kurzschluss durch das Hochwasser ein Haus in Staubing in Flammen auf.
Politik und Bürgerinitiative
Vormittags macht sich der Bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber ein Bild der Lage. Er warnt vor zu hohen finanziellen Erwartungen, verspricht aber Hilfe. In einer Live-Sendung „Bürgerforum" wird kontrovers diskutiert, ob die Bevölkerung im Vorfeld der Katastrophe ausreichend gewarnt wurde. In Neustadt gründet sich eine Bürgerinitiative der Hochwassergeschädigten. Die Zahl der Betroffenen wird inzwischen auf etwa 3.000 beziffert. In Kelheim wird die Maximiliansbrücke wieder für den Verkehr freigegeben.
Pegel sinkt · Futternotstand bei Landwirten
Das Hochwasser geht zurück. In Kelheim wird ein Pegel von 601 cm erreicht. Trotzdem bleibt der Katastrophenalarm aufrecht. Da zahlreiche Felder weiter überflutet sind, macht sich Futternotstand bei den Landwirten bemerkbar – das Vieh hungert in den Ställen. Zahlreiche Spendenkonten werden eingerichtet. Bei Sittling öffnen Pioniere der Bundeswehr einen Polderdeich, damit die Wassermassen kontrolliert ablaufen können. Vor der Schleuse Oberndorf wird ein provisorischer Damm aufgeschüttet, der die Reparatur des zerstörten Damms erst möglich macht.
Heizölkatastrophe und Wiederaufbau
In Neustadt wird der Kampf gegen ausgelaufenes Heizöl zum Schwerpunkt der Einsatzkräfte. Noch Tage nach dem Dammbruch liegt ein durchdringender Heizölgeruch über der Stadt. Vor den betroffenen Häusern türmen sich kaputte Einrichtungen, zahlreiche Familien stehen vor dem Nichts.
Die Polizei hält weiträumig Straßensperren aufrecht, um Schaulustige abzuhalten und die Betroffenen vor Plünderungen zu schützen – auch mit Booten wird Streife gefahren. Bei Irnsing wird der aufgerissene Damm repariert. Es zeigt sich breite Solidarität von freiwilligen Helfern, Firmen und privaten Spendern.
Einordnung heute
Seit dem Pfingsthochwasser 1999 wurden die Hochwasserschutzmaßnahmen an der Donau im Landkreis Kelheim massiv ausgebaut – neue Dämme, Polder und ein dichteres Pegelmessnetz. Auch das Jahrhunderthochwasser vom Juni 2013 mit 716 cm in Kelheim sowie das Hochwasser vom Juni 2024 (Pegel Neustadt 728 cm) zeigten jedoch, dass die Region bei extremen Wetterlagen weiterhin gefährdet ist.
Die Rekordmarke von 795 cm vom 24. Mai 1999 hält bis heute. Ein Blick auf den aktuellen Pegelstand lohnt sich vor allem bei länger anhaltenden Niederschlägen im Einzugsgebiet der Donau – die Wasserwelle braucht aus dem Alpenraum und aus Bayern rund 2-3 Tage bis nach Neustadt und Kelheim.
Chronik-Quelle: KEH.net · Fotos: BR Online (Aufnahmen Mai 1999)